Meine Brieffreundschaft mit Leroy Bockover im Potosi Gefängnis in Missouri - lifespark - movement against the death penalty

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Meine Brieffreundschaft mit Leroy Bockover im Potosi Gefängnis in Missouri

being a pen pal
 

1. Teil: August 2003: Der erste Besuch bei Leroy Bockover

Im Frühling 2003 besuchte ich zum ersten Mal meinen Brieffreund Leroy im Gefängnis in Potosi, Missouri. lifespark vermittelt Gefangene mit Todesstrafe, zu denen Leroy nicht gehört. Die Brieffreundschaften zu Gefangenen mit langjährigen Gefängnisstrafen sind in vielem ähnlich wie diejenigen zu Todeskandidaten.

Leroy hat "nur" lebenslänglich. In Missouri bedeutet das, dass nach 15 Jahren ein Gesuch um Freilassung gestellt werden kann. Leroy wurde nicht freigelassen, da er die Bedingungen, die an ihn gestellt wurden, nicht erfüllt hatte.
Der Antrag auf Freilassung kann nach einer vorgegebenen Anzahl Jahre neu gestellt werden; meist nach zwei oder fünf Jahren. Für Leroy gab es fünf Jahre, wovon er drei nun bereits hinter sich hat.

Das Gefängnis in Potosi ist vielleicht das freundlichste in den Staaten. Alle Gefangenen - mit oder ohne Todesstrafe - können viele Stunden am Tag ihre Zellen verlassen. Sie können in einem Kraftraum trainieren oder Mannschaftsspiele in einer Turnhalle spielen. Sie haben auch die Möglichkeit, innerhalb des Gefängnisses einen Job zu übernehmen und verdienen dann 7.50 oder 12.50 Dollar pro Monat, je nach dem ob sie die obligatorischen Schuljahre absolviert haben oder nicht. Jeder kleinste Geldbetrag ist kostbar für die Gefangenen.
Leroy konnte seinen Schulabschluss im Gefängnis nachholen; dies war eine der Forderungen für eine allfällige Freilassung.
Für Leroy bin ich der Mittelpunkt seiner Welt. "You're the world for me!" schrieb er einmal. Er möchte mich nie mehr verlieren und hat mir bereits versprochen, er würde mir auch nach seiner Freilassung ganz bestimmt weiterhin schreiben; sein ganzes Leben lang. Dieses Versprechen hat mich gleichermassen gerührt und belustigt.... Natürlich werde ich nicht aufhören, ihm zu schreiben, auch wenn er hoffentlich in zwei Jahren kein inmate mehr sein wird.

Leroy und ich schreiben uns sehr häufig und nach einer Weile tauchte der Wunsch auf, uns doch einmal persönlich treffen zu können.
Nicht viele Mitglieder in Lifespark schreiben Gefangenen in Missouri und meines Wissens war noch niemand von Lifespark dort auf Besuch. Ich musste also erst alle Informationen über einen Besuch sammeln und mir ein Bild davon machen, wie ich es am besten einrichtete und wie ich vorgehen musste. In Missouri funktioniert vieles anders als in Texas.
Da Leroy keine Familienangehörigen auf seiner Besucherliste hat, war ich unter "significant other" aufgeführt und konnte die Privilegien eines Familienmitgliedes bekommen. So durfte ich ihn am Wochenende an zwei Tagen je 10 Stunden besuchen! Es waren pro Tag zwei 5-Stunden-Blöcke mit einer Stunde Pause dazwischen.
Natürlich war ich sehr aufgeregt und gespannt auf diese Besuche! Wie würde es sein, Leroy plötzlich persönlich zu treffen und umarmen zu können?! Nach so vielen Briefen und so viel Erzähltem....
Ganz schüchtern hatte mich Leroy in einem Brief gefragt: "Will you let me have a little hug?" Leroy ist 35 und hat seit 17 Jahren keine Umarmung mehr bekommen. Nur im ersten Jahr seiner Inhaftierung hat er noch Besuche bekommen.

Wer in Texas Freunde im Gefängnis besucht hat, wünscht sich wohl nichts sehnlicher, als den Freund nur wenigstens ein einziges Mal umarmen zu können! Dort ist es niemals möglich, den Gefangenen zu berühren; bis zu seinem Tod kann er keine liebevolle Berührung mehr bekommen.
In Missouri nun ist das anders, aber nicht ohne Konsequenzen für den Ablauf des Besuches.
Als erstes fiel mir auf, dass ich als Besucherin viel stärker kontrolliert wurde; es gab viel mehr Regeln als in Texas. Auch der visit room, wo sich alle Besucher/innen und Gefangenen gleichzeitig aufhalten, ist extrem überwacht und es gelten ganz strikte Regeln.
Mir wurde eines der vielen Tischchen zugewiesen, wo ich die ganzen Stunden mit Leroy zu verbringen hatte. Es war sehr spannend, auf Leroy zu warten! Würde ich ihn gleich erkennen? Wie würde es sein, einen - trotz des intensiven Briefwechsels - doch irgendwie fremden Menschen zu umarmen? Die Gefangenen kamen einzeln und frei in den visit room und ich erkannte Leroy gleich, als er hereinkam. Er steuerte sofort auf mich zu, aber ich war mir nicht sicher, ob er mich erkannt hatte, denn er schaute mich überhaupt nicht an und lächelte auch nicht. Wir umarmten uns, und ich spürte seine enorme Spannung und Angst. Ich empfand starkes Mitgefühl mit ihm.
Wir setzten uns dann vorschriftsgemäss an den Tisch; Hände immer schön auf dem Tisch - wie befohlen - und begannen uns miteinander zu unterhalten. Mit der Zeit entspannte sich Leroy immer mehr und wagte auch mal ein Lachen. Wir konnten Polaroidfotos machen lassen, was wir mehrmals taten. Auch hier galten strenge Regeln, wer welche Hand wo haben dürfe und wo bestimmt nicht. Ein Officer überwachte jedes Mal die Szene während der andere die Fotos machte. Als das erste Bild zum Vorschein kam, musste ich lachen, weil Leroy darauf ein sehr mürrisches Gesicht machte. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er leise, er habe gedacht, er lache. Mir wurde klar, er hatte vergessen, wie sich Lachen anfühlte.

Leroy mehrmals umarmen zu können war wunderbar und von Mal zu Mal schöner. Trotzdem blieb eine grosse Trauer und die Sehnsucht, meine Zuneigung noch viel vielfältiger und spontaner ausdrücken können. Mir wurde sehr klar: EINE Umarmung pro Begrüssung und Abschied reicht noch lange nicht!
Ich habe mit Leroy in unseren Briefen ausgiebig die Art unserer Freundschaft diskutiert und er weiss, dass wir kein Liebespaar sein werden, auch nicht, wenn er frei kommt. Viele Gefangenen träumen insgeheim oder offen davon, zu heiraten und damit "versorgt" zu sein. Die Sehnsucht, ganz fest zu jemandem zu gehören, ist riesig. Es war mir immer sehr wichtig, mit Leroy ganz offen und ehrlich über unsere Gefühle zu reden. Leroy weiss, dass ich ihn sehr gern habe und deshalb auch wirklich gern umarme. Immer wieder haben wir uns auch an den Händen gehalten, dies war während der ganzen Besuchszeit erlaubt.

Trotzdem muss ich sagen; die Stunden im visit room haben mir zu schaffen gemacht. Wenn wir am Essautomaten etwas holten, durften wir aufstehen, sonst mussten wir am Tisch sitzen. Es gab ausser Spielkarten keine Spiele, kein Schreibzeug und keine Beschäftigungen. Ich musste sämtliche hereingebrachten Kleider immer tragen und durfte den dicken Pullover nicht ausziehen, als mir zu warm wurde. In einem Mikrowellenofen konnten Esswaren wie Chicken Wings, Cheeseburger oder Popkorn heiss gemacht werden. So erfüllte ein öliger Geruch den ganzen Raum und wurde ständig erneuert. Dies, zusammen mit dem totalen �berwacht-Sein und dem anfänglich traurigen Zustand von Leroy hat mir aufs Gemüt geschlagen.

Leroy taute von Stunde zu Stunde mehr auf und nach einer Weile war er so entspannt, dass er witzeln und lachen konnte. Leroy konnte mir abends und am Morgen in mein Zimmer im Motel telefonieren und dies genossen wir sehr. Am Telefon war er total ausgelassen und wir blödelten und lachten nur noch.
Ja, und dann kam der Abschied. Leroy rief mich am Morgen nochmals an, bevor ich zum Flughafen gehen musste. Es war sehr, sehr traurig und als ich den Hörer auflegte, kamen mir die Tränen. Leroy nun wieder alleine zurückzulassen fiel mir schwer.

Im ersten Brief, den ich nach dem Besuch bekam, schilderte Leroy seine unendliche Traurigkeit, als ich wieder wegging und wie einsam er sich nun fühle. Und er erzählte mir, dass dies seine schönste Zeit seit 17 Jahren gewesen sei und er nun wieder nicht mehr lache während der nächsten Jahre. Es tat mir weh, dies zu lesen.
Natürlich ermunterte ich Leroy, sich doch jemanden im Gefängnis zu suchen, den er anlächeln könne und der ihm vielleicht ein Lächeln zurückgebe. Aber Leroy ist misstrauisch und meinte nur, im Gefängnis gebe es keine Freunde.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich Leroy besucht habe. Ihn persönlich kennen gelernt zu haben, macht die Freundschaft noch intensiver und lässt mich besser verstehen, wie es sich im Gefängnis anfühlt. Wenn ich auch niemals an die Wirklichkeit der Gefangenen herankommen kann, gab es doch einen leisen Einblick in ihre Welt.
Der Besuch in Missouri hat mir grosse Freude gemacht, mir aber auch viele Dinge zum Verdauen aufgegeben. Ich bin mir auch einmal mehr der immensen Verantwortung bewusst geworden, die wir mit einer Brieffreundschaft übernehmen.

Ines Aubert, lifespark

Anmerkung Mai 2006: Leroys Antrag auf Begnadigung wurde im März 2005 abgelehnt und er bekam ein "set back" von zwei Jahren.

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2. Teil: Mai 2006: Die Fortsetzung

Der Bericht über den ersten Besuch war - um einige Abschnitte länger - für zweieinhalb Jahre auf unserer lifespark homepage und hat einige Menschen berührt.

Ich schreibe eine Fortsetzung, weil die Geschichte eine unvorhergesehene und traurige Wende nahm.

Der Grund, weshalb ich einige Abschnitte entfernt habe ist, dass Ende 2005 ein riesiges Lügengebäude, das Leroy die ganzen Jahre über aufgebaut und gepflegt hatte, zusammenstürzte und mehrere seiner BrieffreundInnen sich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert sahen, dass sie jahrelang einem betrügerischen Menschen geschrieben hatten.

Ich kann nicht wissen, was in einem Menschen vorgeht, der seine besten Freunde und Freundinnen jahrelang anlügt und gezielt um sehr viel Geld bringt. Hätte es verhindert werden können, und wenn ja, wie?

Nach einer langen Zeit, in der ich Leroy als Freund betrachtet hatte, fand ich mich in einer Situation wieder, die mich vor viele Fragen stellte.

Was tun mit einem Menschen, den man gemocht hat und der sich als grosser Betrüger herausstellte? Das war eine Frage, über die ich viel und häufig nachdachte.

Ist Rache das Richtige? Es ihm heimzahlen? Eine weitere Chance geben? Einen Strich unter das Kapitel Leroy ziehen?

Für mich ist es klar, dass Brieffreundschaften uns nicht nur mit einem neuen Menschen, sondern auch mit uns selber und unseren eigenen Werten konfrontieren. Es geht um grundsätzliche Themen: Solidarität, Vertrauen, Liebe, Sinn des Lebens. Wie also im Krisenfall - und darum handelte es sich - entscheiden?

Was geschah mit dem Gefühl von Vertrautheit zu Leroy, das trotz allem entstanden war? In der Zwischenzeit hatte ich ihn ein zweites Mal besucht und auch der zweite Besuch war schön und berührend gewesen. Was heisst Vertrauen? Woher kommt das Lügen? Hat Lügen einen Sinn? Was hat die Liebe damit zu tun?

Ich hatte die Krise kommen sehen; zu unsorgfältig war Leroy mit seinen Lügen geworden. Trotzdem; es schmerzte, als es soweit war. Weshalb tut es weh, wenn Lügen entlarvt werden?

Wie weiter verfahren mit einer Beziehung, die auf Lügen basiert hatte? Meine guten Gefühle für Leroy waren inmitten der Trauer immer noch spürbar.

So ging ich auf Leroys dringliche Bitte, ihn nicht fallen zu lassen, ein und passte die Bedingungen der neuen Situation an: Finanzielle Unterstützung, Fotos aus meinem Alltag, häufige Briefe; das passte nicht mehr zu dieser Beziehung und ich würde damit aufhören.

Leroy war damit einverstanden und auch damit, dass wir nun für eine lange Zeit über das Geschehene würden reden müssen.

Es sind seither viele Briefe hin und her gegangen und mit Erstaunen beobachtete ich, dass Leroy den Kontakt nicht abbrach, obwohl das Gesprächsthema ungemütlich und belastend für ihn war. Dadurch lernte ich Leroy nochmals von einer anderen Seite kennen.

Es ist kein happy end; nein, es ist eine vorläufige Fortsetzung einer Beziehung, die hätte eine Freundschaft sein können. Ich spüre noch immer die warmen Gefühle, die ich jahrelang für Leroy gehegt hatte. Sie haben sich gewandelt von Gefühlen der Freundschaft in ein Gefühl der Hoffnung: Dass dieser Mensch, dem ich mich nahe gefühlt hatte, verstehen wird, was Vertrauen heisst und irgendwann imstande sein wird, Freundschaft mit Freundschaft zu erwidern.

.....................

Während ich noch am Herumfeilen des Textes bin, erreicht mich ein Brief von Leroy, der mich mit grosser Freude erfüllt. Leroy ist auf meinen Vorschlag, selber an einer Korrektur des unwahren Berichtes auf unserer homepage mitzuhelfen, eingegangen und hat 15 Fragen, die ich ihm gestellt hatte, beantwortet. Leroy weiss, dass die Fortsetzung und das Interview mit ihm im Internet für alle zugänglich sein werden und hat sich bewusst dafür entschieden, mit seinen handschriftlich beantworteten Fragen ein Zeichen für einen neuen Anfang in seinem Leben zu setzen.

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3. Teil: April 2006: Ein Interview mit Leroy

Falls die handschriftlichen Texte schwierig zu lesen sind, gibt es hier eine abgetippte Version des Interviews.

1. Leroy, last fall a big crash occurred among several of your pen pals. A bunch of them realized that you had been lying to them for many years in an extreme manner. How did you realize that your cheat was discovered?



2. You used to tell each of your pen pals that you had only him or her and nobody else besides them. Why did you do that?



3. Why did you give each of your pen pals a wrong account of the crime you had committed?



4. What was the real crime that brought you to prison?



5. Look at the previous report I wrote about you. What else is not true?



6. When I wrote the report, I believed what you told me about your past. Didn't you feel bad about cheating me that badly?



7. How did you feel visiting with a person - me - who you had lied to already in your first letter and in most of the following ones?



8. After more than a couple of years of penpalship you started asking for money all the time. You came up with all kinds of stories to make your pen pals send you money. Fortunately, I realized that something didn't add up and resisted, but others didn't. What did you need the money for?



9. We found out that you got more than $3000 in about 10 months while still claiming that you didn't even have money to buy stamps with. At this time some of your pen pals still believed that they were your only contact to the outside and you needed the money for a lawyer or other very important things. They wanted to help you. How do you feel about that today?



10. You wrote a lot about friendship and honesty. You often told me that honesty was the most important thing in every friendship. I really wonder how you could write that.



11. After the crash you lost some of your very close pen pals. Can you blame them? I'm still here, but we aren't close anymore either.



12. You told me you wanted to change now. Do you think you'll be successful in that? How do you want to change?



13. You know that I won't send you money anymore. Why are you still writing me?



14. Now, looking back at the previous years, what thoughts are going through your mind?



15. Is there anything more you would like to mention here?




Ines Aubert, lifespark

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